Autor Thema: Die Bibel  (Gelesen 81718 mal)

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Offline De Wolf

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« Antwort #375 am: 30.10.2022 19:01 »
Keine Idee?  :-\
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Offline De Wolf

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« Antwort #376 am: 01.11.2022 12:21 »
Nun: Die Gestalt ist der - Demiurg.

Das Wort ist griechisch und bedeutet ursprünglich der Handwerker. (Oder besser: Der Handwerksmeister mit Können und Ideen, der nicht nur mechanisch vorgegebene Arbeiten erledigt.)

In der klassischen Philosophie bezeichnet es aber auch den (bzw. einen) göttlichen Schöpfer.

Wie ein herausragender Handwerker alles gibt, um ein Meisterwerk zu schaffen, so ist das mit diesem Gott.
Er hat gewissermaßen die Beste aller möglichen Welten geschaffen  und dabei all sein Können unter Beweis gestellt.

Aber warum ist diese Welt nicht perfekt?  :think:

Darüber gehen die Meinungen  auseinander. Liegt es am vorhanden Werkstoff, der rohen Materie, die nur bedingt formbar war? Jeder Handwerker oder Künstler kennt das Problem und kann nur versuchen, sein Bestes zu geben.

Die zweite Antwort ist: Die Aufgabe war so schwierig, dass der Schöpfer selbst an seine Grenzen gekommen ist.

Eine dritte mögliche Antwort ist (Ihr ahnt es:) Sowohl als auch.  :-\

So oder so. Die Welt ist wie sie ist und mensch kann darin leben und das Beste daraus machen...   :up:
« Letzte Änderung: 03.11.2022 23:32 von De Wolf »
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« Antwort #377 am: 05.11.2022 19:04 »
Interessant ist, dass diese Vorstellung in der jüdischen Glaubenswelt höchst kritisch gesehen wird.

Hier wird betont, dass Gott durch sein Wort wirkt.
Hebräisch: Dabar.
Griechisch: Logos.
Gott spricht:  "Es werde...!" Und es geschieht nach seinem Willen.

Wobei Goethes Faust da ins Grübeln kommt. 

"Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«

Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!"  :-\ 

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« Antwort #378 am: 12.12.2022 13:39 »
Mit dieser Deutung versucht Goethes Faust im Grunde den Dualismus zu überwinden, der die abendländische Philosophie seit Plato bestimmt.

Hier die Sphäre des Geistes - dort die der Materie.

Hier der Philosoph, der die Dinge im richtigen Licht betrachtet.
Dort der einfache Mensch, der das nicht kann.
Wie denn auch?
Er ist von materiellen Sorgen gezeichnet und muss etwas schaffen, um sein Auskommen zu haben.

Erst Marx hat in der Berufung auf Feuerbach diese Sicht der Dinge zurechtgerückt.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt (!) drauf an, sie zu verändern.“

Aber zurück zur Welt des Glauben und der Religion...  :-\
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« Antwort #379 am: 14.12.2022 21:49 »
Die Zeit verging und je länger je mehr machte sich bei Philosophen und Normalbürgern eine skeptisch-pessimistische Weltsicht breit.
Kein Wunder: Die römisch-hellenistische Welt kämpfte mit einer Reihe von politischen, ökonomischen und bald auch militärischen Krisen, die nur einen Schluss zuließen:

Der Weltenlauf wurde von finsteren Mächten und Gewalten bestimmt.

Und wer anders konnte dahinter stecken als die ultimative Macht über all diesen Mächten?
Der Demiurg.
Der Schöpfergott, der gar nicht so wohlmeinend war, wie es den Anschein hatte.
Was, wenn er in Wahrheit böse war und einen ganz eigenen, perfiden Plan verfolgte?
Sich an der Not und der Verzweiflung seiner Geschöpfe zu weiden.
Nur eines mußte er fürchten:
Dass er entlarvt würde.
Doch wer sollte ihm auf die Schliche kommen und seine Macht brechen?
Sicher nicht seine Geschöpfe, die er in blinder Existenzangst gefangen hielt.
Antwort: Ein anderer Gott aus einer anderen, hellen Sphäre.
Ein Botschafter der Aufklärung, der für seine Mission einiges riskierte.
Lüge, Verrat, Anschläge auf sein Leben.

Aber immerhin:

Nun können die Geschöpfe des bösen Gottes immerhin die Wahrheit erfahren und entscheiden, ob sie dieses Angebot annehmen und erkennen, was wahres Leben ist.

Leben mit - Durchblick.

Klingt etwas nach der Matrix nicht wahr?

Oder - nach der Mutter aller Verschwörungstheorien...   :reader:
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« Antwort #380 am: 15.12.2022 18:50 »
In der Religionswissenschaft wird diese Weltanschauung als Gnosis bezeichnet, dem griechischen Wort für Wissen oder Erkenntnis.

Ein anderer Begriff ist Gnostizismus. Der wird oft synonym gebraucht. Er beschreibt aber auch das Phänomen, wenn Religionen gnostische Vorstellungen aufnehmen.

Entweder in Form einer gedanklichen Auseinandersetzung oder infolge einer "Infiltration". 

Was uns letztlich wieder in die Welt der Bibel führt. Insbesondere zum Johannesevangelium...  ;)
« Letzte Änderung: 15.12.2022 18:54 von De Wolf »
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« Antwort #381 am: 09.01.2023 17:46 »
Das Johannesevangelium entstand gegen Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, als die Gnosis zunehmend an Einfluss gewann.
So ist es unvermeidlich, dass der Evangelist sich mit dieser Weltanschauung auseinandersetzt.
Das beginnt  mit dem berühmtem Prolog, der mit dem dunklen Mythos des Demiurgen aufräumt und keinen Zweifel daran läßt:
Jesus ist das klare, wahre lebendige Wort des (einen) Schöpfergottes!

Interessant ist, dass im Folgenden eine Theologie entfaltet wird, bei der Erkenntnis eine große Rolle spielt.
Jesus ist die Weisheit in Person, DER Lehrer schlechthin, der allerdings mit seinen geheimnisvoll verrätselten Worten viele Menschen vor den Kopf stößt.

Nur wenige verstehen ihn, schenken ihm Vertrauen und bekommen so Anteil am ewigen, am wahren Leben. 

Dabei nimmt das Buch gewissermaßen Erkenntnisse der Existentialphilosophie vorweg, wie sie Sören Kierkegaard formuliert hat.

Aber das nur nebenbei.

Ein wichtiges Anliegen des Johannes ist, Menschen zu erreichen, denen der Gedanke an Jesu baldige Wiederkunft zumehmend fremd wird.
Sie wollen Antworten auf ihre Fragen nach dem Sinn ihres Lebens. Und zwar hier und jetzt.

Das ist auch das Anliegen der religiösen Konkurrenz.

Und das erklärt manche theologisch-philosophische Parallelen

Wen es allerdings nach christlicher Gnosis verlangt, der ist bei Johannes an der falschen Adresse.
Dem empfehle ich das apokryphe Evangelium der Marie Magdalena, das um 160 n. Chr. entstand.
Von zentraler Bedetung ist hier die Apostelin der Apostel, die von Jesus besondere Offenbarungen bekam, die Kirchenmänner wie Andreas und Petrus mit Misstrauen, Neid und Hass erfüllten.

Leute - da kriege ich Bilder.

Solche von Dan Brown zum Beispiel. Der sieht in Leonardos berühmten Abendmahl nicht etwa den Lieblingsjünger Johannes zur rechten Jesu.
Sondern dessen wahre Favoritin: Maria (der Petrus in einer symbolischen Geste ein Messer an den Hals legt).

Das ist alles sehr, sehr weit von den biblischen Evangelien entfernt.

Interessant sind solche Werke allerdings, weil sie heftige Auseinandersetzungen des zweiten und dritten Jahrhunderts widerspiegeln.

Als die Gnosis die überkommenen Lehren der Amtskirche massiv infrage stellte.

Eine echte Vertrauenskrise, die nur mit Mühe zu überwinden war.

Aber wie?  :-\
« Letzte Änderung: 13.01.2023 16:42 von De Wolf »
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